Heimatverein Rüsselsheim 1905 e. V.
Rüsselsheim 17. Juli 2012 | Von Ralph Keim Geschichte jenseits von Opel Jubiläum – Heute vor 575 Jahren erhielt Rüsselsheim die Stadtrechte – Ein Ereignis, das nur wenig registriert wird | | Kaiserliche Verfügung: Ein Faksimile der Urkunde, durch die Rüsselsheim Stadt wurde. Das Heilige Römische Reich in den dreißiger Jahren des 15. Jahrhunderts: Es herrscht Kaiser Sigismund, Sohn Karls IV. Seit 1433 trägt der Spross des Hauses Limburg-Luxemburg die kaiserliche Krone. Zu den direkt dem Kaiser unterstellten Grafschaften zählte auch die des Geschlechts derer von Katzenelnbogen, die bereits seit dem Jahr 1095 am Mittelrhein das Sagen haben. Zu Zeiten Kaiser Sigismunds ist Graf Philipp von Katzenelnbogen Chef des mächtigen Hauses, das in St. Goar und in Darmstadt über Residenzen verfügt. Am 17. Juli 1437 unterzeichnet der Kaiser in Eger eine Urkunde, die Philipp von Katzenelnbogen das Recht verbrieft, das am Main gelegene Dorf Ruselshaym zur Stadt zu erheben und auszubauen. Rüsselsheim am 17. Juli 2012, exakt 575 nach dem bedeutenden kaiserlichen Beschluss: Im Veranstaltungskalender der Stadt weist nichts auf das Jubiläum hin. Das historische Ereignis geht nahezu spurlos an Rüsselsheim vorüber. Auf der Homepage der Stadt wird in zwei Zeilen auf das Ereignis von 1437 hingewiesen, ohne jedoch das Datum zu benennen. Ein Zustand, der den Lokalhistoriker Ernst Erich Metzner ärgert. Der emeritierte Professor der Universität Frankfurt am Main hätte gerne einen Vortrag zum Thema gehalten und zwar dort, wo er
seiner Meinung nach hingehört: im alten Rathaussaal. Oberbürgermeister Patrick Burghardt (CDU) wäre eingeladen gewesen, ebenso der Magistrat und die Stadtverordneten und selbstverständlich die historisch interessierten Rüsselsheimer. Alles war schon in trockenen Tüchern. Doch dann stellte sich heraus, dass zu diesem Zeitpunkt die Stadtverordnetenversammlung tagte. „Der Vortrag musste gestrichen werden, ist aber noch in diesem Jahr geplant“. Damit muss sich der Historiker trösten. | | Geschichte greifbar: Das Jubiläum des 575-jährigen Bestehens der Stadtrechte sei nahezu spurlos an der Stadt vorübergegangen, beklagt Lokalhistoriker Ernst Erich Metzner. Das Foto zeigt dem emeritierten Professor vor der Stadtmauer. Fotos: Jens Etzelsberger Wo lag das alte Rüsselsheim? Welche Folgen hatte die Stadtrechtsverleihung? Wurde das Dorf verlegt und die Stadt an anderer Stelle aufgebaut? Vor dem Hintergrund der aktuellen Kernstadt- Diskussion sollte dies nach Meinung von Professor Metzner wissenschaftlich geklärt und erklärt werden. Denn auch das ärgert den 74 Jahre alten Rüsselsheimer: Die Stadt schätzt ihre Vergangenheit zu gering.
„Im Stadtmuseum ist die von Kaiser Sigismund unterzeichnete Urkunde gar nicht existent.“ Dabei täte Rüsselsheim ein geschichtliches Selbstbewusstsein gut – und zwar eines jenseits von Opel, wie der Historiker bekräftigt. Was den Politikern, Städteplanern und den Bürgern wohl gar nicht oder kaum bewusst sei: Der Begriff „Neue Mitte“ könne auch auf das spätmittelalterliche Rüsselsheim angewandt werden. Die Stadt als „neue Mitte“ der Mainspitze, Rüsselsheim als repräsentative Stadt, Rüsselsheim als Amtsstadt. Doch statt Stolz auf die Historie vor Opel sieht Metzner nur „eine Nachwelt im Nebel der Unsicherheit und des Nichtwissens“. Bedauern über die Entwicklung zeigt auch der Vorsitzende des Heimatvereins Rüsselsheim, Manfred Powalka. „Bei diesem Jubiläum wäre eindeutig die Stadt in der Pflicht gewesen.“ Er habe OB Burghardt auf das Stadtrechts- Jubiläum aufmerksam gemacht und die Zusage erhalten, dass „etwas“ geplant sei. Die Stadt wiederum verweist darauf, dass sie das Jubiläum im Herbst würdigen wird, und dass sie außerdem auf die lange Tradition von Rüsselsheim bereits beim Hessentag und beim Klassikertreffen hingewiesen habe. „Die Verleihung der Stadtrechte war mit dem bedeutsamen Privileg zur Anlage eines burglichen Baus verbunden“, ruft Pressesprecherin Silke Fey in Erinnerung. „Hiervon zeugt bis heute die Rüsselsheimer Festung.“ Und pünktlich zum Jubiläumsjahr sei die energetische Sanierung des Südflügels abgeschlossen worden, und seit diesem Sommer sei es erstmals möglich, die Festung bei einem Rundgang auf dem oberen Wall, in voller Größe zu erleben. Manfred Powalka ist am heutigen Dienstag (17.) in Sachen Historie unterwegs: Ab 19 Uhr wandelt er mit den Rüsselsheimern vom Löwenplatz aus auf den Spuren des historischen Handwerks in Rüsselsheim und von Adam Opel. Der liegt mit seiner berühmten Nähmaschine nun einmal zeitlich näher als Kaiser Sigismund mit seiner Urkunde.
Geschichte jenseits von Opel
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