Heimatverein Rüsselsheim 1905 e. V.
Rüsselsheim. Manfred Powalka vom Heimatverein Rüsselsheim steht inmitten einer Gruppe auf dem Löwenplatz und erzählt beim Rundgang zum historischen Gewerbe, wie es hier vor 150 Jahren ausgesehen hat. "Viele alte Häuser standen da, meist wurde noch Landwirtschaft betrieben, und dort drüben im leeren Kuhstall hat der alte Opel seine erste Nähmaschine zusammen geschraubt." Helmut Schmitt kramt in seiner Archivtasche und sucht die passenden Fotos dazu heraus. "Das sind die drei Opel-Brüder, der rechte ist der Vater von Adam Opel", erklärt Schmitt. "Ja, wer schläft denn da?", stubst Manfred Powalka plötzlich eine von den meisten noch nicht bemerkte und ungewöhnlich gekleidete Person an, die an einer Säule kauert. "Ich wollte nur die neue Nähmaschine für mein Babbetsche abholen, da bin ich wohl eingenickt", erklärt der Mann mit Frack, Stockschirm und Zylinder. "Da bist Du wohl zu spät, hast glatt 150 Jahre verschlafen", erklärt Powalka dem Erwachten, der sich langsam aufrappelt. Völlig überrascht vom neuen Erscheinungsbild seines Platzes, an den er sich angeblich vor kurzem mal zu einem Nickerchen hingesetzt hat, versteht Walter Lotz, so heißt der Mann richtig,
buchstäblich die Welt nicht mehr. Da großartige Erklärungen nichts nützen, meint Manfred Powalka: "Dann komm‘ doch einfach mal mit" – und schon setzt sich die Gruppe in Bewegung. Beim Gang durch die Löwenpassage nimmt sein Erstaunen kein Ende: "Was, alle Räume sind offen, da kann man ja überall hinein gucken." Rumms, schon hat der Mann mit Zylinder eine Glasscheibe mit dem Kopf gerammt. "Was ist das bloß für ein Teufelszeug?", wundert sich der Gast in der Moderne. Hinderliche Scheibe Ganz begeistert ist er jedoch, als er in einer Änderungsschneiderei endlich seine Nähmaschine erblickt. Doch auch hier verhindert eine Glasscheibe sein Vorhaben, die Nähmaschine für sein Babettsche mitzunehmen. Beim Gang durch die Fußgängerzone zum Marktplatz erzählt Manfred Powalka dem Zeitreisenden, was so alles in den vergangenen 150 Jahren passiert ist. "Der junge Adam Opel wollte schon immer in die weite Welt reisen. Zum 20. Geburtstag wünschte er sich, auf Reisen gehen zu dürfen", erklärt Powalka. Am 1. März 1858 bestieg Adam Opel einen holländischen Frachtdampfer nach Lüttich, stieg aber unterwegs aus und schlug sich über Land nach Brüssel und Paris durch. Am 27. August kehrte er, auf Wunsch der Familie,
wieder zurück in die elterliche Werkstatt. Bald wurden nicht nur Nähmaschinen, sondern auch Fahrräder und von 1899 an auch erste Autos gebaut. "Was ist denn des? Wo ist das Rathaus und was ist mit der Kirche passiert – der Turm ist doch viel höher?", wundert sich der Jahrhundertschläfer. Auch hierfür hat Powalka Erklärungen parat. Rollende Blechbüchsen Erstaunt ist der Zylinder-Mann auch über den großen freien Platz, dort, wo jetzt lauter "rollende große Blechbüchsen" stehen. "Die Cichorienfabrik von Friedrich Engelhardt ist auch schon lange weg, ebenso die Blechemballagen- und Metallwarenfabrik von Georg Volk", erklärt Powalka. Aber plötzlich fühlt sich der Gast aus der Vergangenheit wieder heimisch: "Da hinten stehen die Gäule von den Leinreitern, das sieht heute noch so aus wie damals", meint Walter Lotz beim Anblick der Hofeinfahrt zum Hotel Mainlust. Nur die vielen Pferdeäpfel vermisst er. Damit beschließen Manfred Powalka und Walter Lotz ihre mit großem Applaus bedachte Führung.lp (lp ) Artikel vom 19. Juli 2012, 18.20 Uhr (letzte Änderung 20. Juli 2012, 04.13 Uhr)
Helmut Schmitt zeigt Fotos der drei Opel-Brüder und des Gebäudes in dem die Nähmaschine gefertigt wurde. Fotos: lp
Schnell mal 150 Jahre verschlafen Gast aus der Vergangenheit schließt sich dem historischen Rundgang an Der Gast aus der Vergangenheit war beim Kauf der Opel-Nähmaschine vor 150 Jahren eingenickt. Beim historischen Rundgang staunt Walter Lotz über die Gegenwart.
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